Karl Ulrich Voss, Burscheid: Meine Leserbriefe im Jahr 2018

Stand: Januar 2018

 

(2018/04) 16.1.2018
Kölner Stadt-Anzeiger
Anti-IS-Mission der Bundeswehr; Daniela Vates „Die Bundeswehr soll bleiben“ u. Markus Decker „Elite-Truppe GSG 9 rüstet auf“ (KStA v. 15.1.2018, S. 6 u. v. 16.1.2018, S. 6)

Unsere geschäftsführende Verteidigungsministerin will mit einer anfangs dem Irak gewidmeten Anti-IS-Mission nun Jordanien „langfristig stabilisieren“. Einzelheiten würden „mit den Partnern, in Kabinett und Parlament diskutiert“. Diese Reihenfolge kann man als bloßen Zeitplan, aber mit gleicher Berechtigung als Abstufung der Relevanz interpretieren. Das am verlässlichsten wiederkehrende Argument in den bald 400 parlamentarischen Debatten zu Auslandseinsätzen der Bundeswehr heißt „Bündnisfähigkeit“; ausnahmslos hat das Parlament alle vom Kabinett bis heute beschlossenen Einsätze abgesegnet.

Leider garantieren Bündnispläne nicht eine ethisch einwandfreie Handlungsweise oder das Einhalten eines Gesetzesvorbehalts, wohl aber das robuste Durchsetzen von Interessen der Akteure und Organisationen. Wenn wir nun insbesondere in den Hauptstädten der Verbündeten noch stärker dem Terror vorbeugen müssen, dann mag man darin auch eine Folge und Rückwirkung raumgreifender Bündnisstrategien erkennen. Es wäre gut, wenn der wann auch immer zu unterschreibende neue Koalitionsvertrag auch eine Passage zur systematischen Analyse der Auslandseinsätze der letzten 20 Jahre enthielte, zu den Zielen, Ressourcen und Erfolgen und zu den teils tödlichen Nebenfolgen.

 

(2018/03) 11.1.2018
DIE ZEIT
Unruhen im Iran; Jörg Lau „Zurückhalten, bitte“ (DIE ZEIT v. 4.1.2018, S. 1)

Es hilft der Prognose, wenn man nicht nur Personen, sondern ganzen Staaten oder gar Regionen wechselnde paranoide Zustände unterstellt – typischerweise intensiv, wenn sich das Gemeinwesen militärisch, ökonomisch und/oder kulturell bedroht und unterwandert fühlt. Oder: Wenn der Kitt schon bröckelt. Die USA etwa waren in den Fünfzigern, die DDR in den Achtzigern stark belastet; beide Staaten bauten an sinnfreien Wagenburgen.

Der Iran lebt mit sehr lebhaften Traumata, insbesondere mit dem i.J. 1953 von MI6 und CIA zugunsten der Anglo-Iranian-Oil-Company aka BP angezettelten Putsch gegen den bürgerlichen (!) Staatspräsidenten Mossadegh. Und mit der Unterstützung des Westens für Saddam Hussein im unfassbar brutalen ersten Golfkrieg ab 1980; dabei soll ein noch heute sehr angesehener Außenpolitiker die Moral zynisch so gefasst haben: „It’s a pity they can’t both lose!“ In der Rückschau haben beide verloren und sie wissen es auch.

Aus meiner Sicht ist im Falle des Iran jede Verschwörungstheorie entschuldigt, wenn nicht gerechtfertigt, und wir täten heute gut daran zu kitten, was zu kitten ist.

 

(2018/02) 10.1.2018
Kölner Stadt-Anzeiger
Minderjährige bei der Bundeswehr; Annika Leister „Lockende Bezahlung“ u. „Mehr Minderjährige Soldaten als je zuvor“ (KStA v.10.1.2018, S. 4 u. 6)

Wenn, dann sollte die Bundeswehr ausschließlich Erwachsenen das Schießen beibringen und am besten erwachsenen Abgeordneten, denn die sollten ja am besten um die realen Einsätze wissen. Tatsächlich gelingt derzeit das Rekrutieren erfahrungsgemäß dort besonders gut, wo Arbeitsmarkt- und Bildungschancen tendenziell gering sind – dort werden auch die Eltern Minderjähriger eher zustimmen. In meinen Augen betreibt der Staat hier eine Art Verleitung zur Prostitution.

Besonders schwer wiegt dabei, dass von allen zulässigen staatlichen Gewaltformen gerade die besonders risikoreichen militärischen Einsätze out of area rechtsstaatlich am geringsten abgesichert sind: Denn der grundsätzlich durch Artikel 19 Grundgesetz verbürgte Gesetzesvorbehalt ist zur Stärkung der Bündnisfähigkeit der Armee richterrechtlich durch den so genannten Parlamentsvorbehalt außer Kraft gesetzt. Und unser Notbehelf, eben der Parlamentsvorbehalt, der ist nach aller Erfahrung ein zahnloser Tiger – jeder der bisherigen 180 Kabinettbeschlüsse zu Auslandseinsätzen wurde von den Abgeordneten bestätigt, vollzählig wie vollständig.

P.S.
Bei Interesse zur signifikanten Korrelation von Rekrutierung und regionaler Arbeitslosigkeit: http://www.vo2s.de/mi_selekt.htm; eine Liste der bisherigen 180 Beschlüsse des Deutschen Bundestages zu Auslandseinsätzen findet sich unter http://www.vo2s.de/mi_missionen.xls

 

(2018/01) 5.1.2018
Kölner Stadt-Anzeiger
konservative Revolution; Daniela Vates: „Ein ideologischer Feldzug“ u. „Alexander Dobrindt ätzt gegen die 68er“ (KStA v. 5.1.2018, S. 4, 5)

So könnte aus 2018 doch noch etwas werden. Im Zuge seiner konservativen Umwälzung wird uns Alexander von Seeon aus erklären, wo heute das Christliche und Soziale der Union verborgen liegen – Werte vielleicht sogar noch jenseits des Monetären. Maß und Barmherzigkeit könnte er uns so lehren. Ein Beispiel: Künftig münzen wir die ca. 200 Milliarden, die eine erschreckend zweckfreie Internationale Raumstation so kostet, um in das Überleben von einigen hunderttausend Kindern aus den globalen Hinterhöfen. Aber: Können wir vom Vater einer wegelagernden Maut eine so ein-bödige Moral erwarten?

 

Und ein paar Sammlerstücke aus früheren Jahren:

 

Die Mutter aller [meiner] Leserbriefe:

29.9.1992
Kölner Stadt-Anzeiger; abgedruckt 2.10.1992
Militär; Absage der "V 2 - Gedenkfeier" in Peenemünde (KStA. v. 29.9.1992)

Hätten wir am Deutschlandtag die Schöpfer der V 2 hochleben lassen, hätten wir auch die der Scud mitgefeiert. Die Scud ist wie die Mehrzahl der heute weltweit ausgerichteten Trägersysteme legitimer Nachfahre der V 2. Scud und V 2 sind brutale Massenvernichtungswaffen, die unter einem verantwortungslosen Regime bewußt zum Schaden der Zivilbevölkerung eines anderen Landes entwickelt und eingesetzt worden sind.

Demgegenüber ist der vorgebliche Kontext ziviler (!) Raumfahrtforschung, der etwa den jungen Wernher von Braun begeistert und geblendet haben mag, als Begründung eines V 2 - Festes geradezu absurd. Die Forschung hat sich gegen diese Wirtschaftsidee im doppelten Sinne auch ausdrücklich verwahrt.

Der Vorschlag war, wenn auch der count-down schweren Herzens in letzter Sekunde abgebrochen wurde, bereits eine verheerende Wunderwaffe gegen das Ansehen des neuen Deutschland im Ausland und unserer Repräsentanten im Inland.

 

Und der am weitesten gereiste Leserbrief:

22.08.1995
NIKKEI WEEKLY, JAPAN; abgedruckt 28.8.1995
Militärpolitik; Bombardierung von Hiroshima und Nagasaki; THE NIKKEI WEEKLY of August 14, 1995

I refer to reports on WW II and especially to two letters to the editor printed in THE NIKKEI WEEKLY of August 14, 1995 (page 6). It is my impression that those two letters offer a unilateral and quite insulting interpretation of the motives behind the drop of atomic bombs onto Hiroshima and Nagasaki fifty years ago (e.g. N. Hale: "a merciful decision"). So I would like to show an alternative view:

It is certainly true, that Japanese military leaders commenced the hostilities against the USA. But the Japanese victims at Hiroshima and Nagasaki were in their vast majority civilians. And although they were victims, I am far from sure they were the real addressees of the bombs as well. There is quite a convincing hypothesis: The drop of the bombs in the first place aimed at impressing the counterparts of Truman at the Potsdam Conference of July/August 1945 - Truman, a just invested and still very uneasy-feeling American president. To add: according to now opened American files the Nagasaki bomb was also meant to test a completely redesigned ignition system.

The echoes of that demonstration of power strongly outlived that event. We hear them over and over again – from Iraq, from France, from China etc. So humanity will never forget those victims, even if some wanted to.

 

Weitere Leserbriefe aus 2017, 2016, 2015,  2014, 2013, 2012,  2011 / 2010 / 2009 / 2008 / 2007 / 2006 / 2005 / 2004 / 2003 / 2002 / 2001 / 2000 / 1999 / 1998 / 1997 / 1996 / 1995 / 1994 / 1993 / 1992
oder auch ein paar Briefe für Englisch-sprachige Medien.

Oder meine >100 Leserbriefe, die zum Thema „out of area“ abgedruckt worden sind.

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