Karl Ulrich Voss, Burscheid: Meine Leserbriefe im Jahr 2019

Stand: Februar 2019

 

(2019/06) 21.2.2019
Süddeutsche Zeitung
Münchener Sicherheitskonferenz; Kommentar v. Daniel Brössler „Merkels letzter Berg“ und Bericht v. Paul-Anton Krüger / Tobias Matern „Endspiel um Afghanistan“, Süddeutsche v. 18.2.2019, S. 4 u. 5)

Vielleicht braucht es eine französisch-deutsche strategische Kultur, um Probleme eines Umfeldes aus ungewissen Freunden und Feinden aktiv und robust zu lösen. Aber sind denn quälend lange deutsche Selbstbefragungsprozesse, Skrupel beim Waffenexport und eine übergroße moralische Selbstgewissheit wirklich unser Kernproblem? Wenn ich auf den drohenden Showdown in Afghanistan sehe, so ähnelt er verzweifelt dem Problem beim Abbruch von UNOSOM II – Deutschland ist den USA in den Einsatz hinein gefolgt und kam nur mühsam glimpflich wieder heraus.

Wo ist überhaupt eine verlässliche Evaluation der vielen und endlosen robusten Interventionen nach dem Mauerfall? Die Afghanistan-Fortschrittsberichte wurden sang- und klanglos eingestellt, als beim besten Willen Fortschritt nicht mehr erkennbar war. Was haben etwa die Einsätze unserer Verbündeten in Libyen und im Irak gebracht? Okay, Destabilisierung, Fundamentalisierung und großmaßstäbige Migration, das wissen wir. Was aber sind die differenzierten und bilanzierenden „lessons learnt“, ohne die es eine verantwortungsvolle Neuordnung unserer Handlungsoptionen gar nicht geben kann?

Ich meine, unser Problem ist eher: Berechtigte Zweifel an unserer bisherigen militärischen Performanz und nicht zuletzt an wesentlichem Führungspersonal des Westens. Der schlimmste Befund traut sich kaum an die Oberfläche: Heutzutage möchte man unserem transatlantischen Verbündeten sehnlichst einen Außenpolitiker wie Sergej Lawrow wünschen, ausgebufft zwar, aber allem Anschein nach sehr erfahren, hochprofessionell, nüchtern und vertragsorientiert, mit einem Wort: berechenbar.

 

(2019/05) 21.2.2019
Frankfurter Allgemeine
Münchener Sicherheitskonferenz; Leitartikel „Zusammenstehen“ von Klaus-Dieter Frankenberger und gemeinsam mit Peter Carsten „Die große Ratlosigkeit“ (F.A:Z. v. 18.1.2019, S. 1 u. 3)

Es ist richtig, in einer metamorphen Sicherheitslage die Handlungsoptionen zu einer neuen Strategie zu ordnen. Das ist auch keineswegs trivial, wenn wie derzeit die Gemeinheiten unter den Akteuren zunehmen und die Freund-Feind-Schemata bis zur Ratlosigkeit brüchig werden.

Umso wichtiger sind dann Analyse und Bilanz: Was vom Militärischen, was vom Diplomatischen hat uns seit dem Mauerfall Vorteile gebracht? Beim Militärischen – das waren insbesondere die neuen robusten Auslandseinsätze – springt da im Grunde nichts Nachhaltiges ins Auge. Und beim Diplomatischen? Da haben wir schmerzhaft die Wanderungen von Millionen absorbiert – und nun gebe ich der Kanzlerin gerne Recht: Sicherheitspolitisch wiegt das mindestens so schwer wie weitere Rüstung. Man darf sogar einen gedanklichen Schritt weitergehen und die Aufnahme nicht nur parallel, sondern konsekutiv und kausal verknüpft mit  Auslandseinsätzen werten: Peaks der millionenfachen Wanderungen lassen sich korrelieren mit Konflikten, in die wir und unsere Verbündeten robust eingegriffen haben. Nehmen wir die Zahlen, die die auch im Bundestag verbreitete Zeitschrift „Das Parlament“ im September 2015 nannte: Mehr als zwei Drittel der Asylbewerber bis Ende Juli 2015 hatte einen solchen Interventions-Hintergrund und es stammte gar mehr als ein Drittel wieder vom Balkan, dessen wir uns ja gleich zu Beginn der Neunziger Jahre mit einer nun raumgreifenden Außen- und Sicherheitspolitik angenommen hatten.

„Lehrmeister Krieg“ heißt ein bemerkenswertes Buch des verstorbenen Philosophen Karl-Otto Hondrich. Wahrscheinlich hat sich die NATO seit dem Mauerfall noch nicht überlebt. Aber es wäre schlecht, wenn sie zu alt, zu selbstgewiss oder zu erfolgreich wäre dazuzulernen.

Quelle zu den Flüchtlingszahlen aus 2015:
Das Parlament Nr. 38/39 v. 14.9.2015, S. 1, http://www.das-parlament.de/2015/38_39

 

(2019/04) 19.2.2019
Kölner Stadt-Anzeiger
Aufnahme von IS-Kämpfern aus Syrien (Peter Berger „Reul will IS-Kämpfer aufnehmen“ u. Kommentar v. Marina Kormbaki „Eine Frage der Verantwortung“, KStA v. 19.2.2019, S. 1 u. 4)

Einen rauf, Herr Reul! Deutsche Muslime aus Syrien nach Deutschland zurück zu lassen, das ist richtig. Es ist nebenbei politisch richtig mutig, angesichts eines heute schon endemischen Anti-Islamismus. Es ist richtig für die Kinder, die gar keine Wahl hatten, es ist richtig aber auch für irregeleitete Heranwachsende und Erwachsene, selbst bei Verdacht auf Straftaten. Wer wäre eher zuständig, dies zu beurteilen? Und wer wollte die Verantwortung dafür übernehmen, wenn wir diese Menschen draußen ließen und sie in völlig destabilisierten Regionen gelyncht würden?

Und wer unbedingt noch einen eigenen präventiven Nutzen darin suchen will: Intensiver belehrte Zeitzeugen gegen eine extremistische oder utopisch-religiöse Verführung wird man nirgendwo finden. Zur Übernahme von Verantwortung würde im Übrigen ebenso gehören, nach einem Abzug deutscher Soldaten aus Kriegs- und Krisengebieten diejenigen Ortskräfte in Deutschland aufzunehmen, die vor Ort Deutschland gedient haben – etwa in Afghanistan. Eigentlich sollte das selbstverständlich sein.

 

(2019/03) 4.2.2019
Kölner Stadt-Anzeiger
zu Tobias Peters Beitrag „BDA: Mindestlohn bei Azubis ein Fehler“ (Kölner Stadt-Anzeiger v. 4.2.2019, S. 5) der nachfolgende Leserbrief:

Die Ausbildungsvergütung sei „nur ein Zuschuss zum Lebensunterhalt“, so die Deutschen Arbeitgeberverbände. Das ist eine arg verkürzende, interessengeleitete Rhetorik. Unsere feste höchstrichterliche Rechtsprechung pocht dagegen auf zwei weitere wesentliche Funktionen, nämlich zweitens auf die faire Gegenleistung für geldwerte Arbeit der Auszubildenden und als dritte Komponente auf die – ganz eigennützige – Heranbildung qualifizierten Nachwuchses.

Noch ein kleiner Blick über den Tellerrand: In Deutschland feiern sich Ausbildende und speziell Wirtschaftsverbände gerne als Wohltäter einer beschäftigungssuchenden Jugend. Die Schweiz hat ihre betriebliche Berufsausbildung zu einem selbstverständlichen integralen Teil des Qualifizierungssystems geformt, als potenzielles Element praktisch eines jeden Berufsweges. Und wie sehen die Schweizer Unternehmen ihre Ausbildungsbereiche an? Nach dem Ergebnis wiederholter Befragungen und Studien als unbestrittenen betriebswirtschaftlichen Aktivposten, als Gewinn vor Ort. Wer hat’s erfunden?

Quellen:
Bundesarbeitsgericht (BAG) 16. Juli 2013 - 9 AZR 784/11 - Rn. 12 mwN
= https://juris.bundesarbeitsgericht.de/zweitesformat/bag/2015/2015-01-23/9_AZR_784-11.pdf
siehe auch
BAG 17. März 2015, Az. 9 AZR 732/13 - Rn. 13, 20, 21 mwN = https://juris.bundesarbeitsgericht.de/zweitesformat/bag/2015/2015-06-24/9_AZR_732-13.pdf

 

(2019/02) 22.1.2019
Kölner Stadt-Anzeiger
Iran-Boykott; Notiz „Berlin fährt harten Kurs gegen den Iran“ (Kölner Stadt-Anzeiger v. 22.1.2019, S. 6)

Interessante Begründung für den Entzug der Start- und Landerechte einer iranischen Luftlinie – der Transport von Material und Personen in Krisengebiete bzw. Spionage-Aktivitäten des Sitzlandes in der Bundesrepublik. Jedenfalls genügt das nicht dem Anspruch des kategorischen Imperativs. Denn bei genereller Geltung dieser Faktoren würde unsere Republik aeronautisch in die Zeit vor den Gebrüdern Wright, vor Otto Lilienthal, ja sogar vor den Frères Mongolfier zurück katapultiert.

Nun mag man noch rätseln, ob die Bundesregierung hier willkürlich oder eher liebedienerisch unterwegs ist. Beruhigen kann mich keins von beiden.  

 

(2019/01) 9.1.2019
Kölner Stadt-Anzeiger, abgedruckt 14.1.2019
Datenskandal; Markus Deckers Analyse „Was, wenn Profis ans Werk gingen?“ (KStA v. 9.1.2019, S. 4)

Wenn Profis ans Werk gingen? Da braucht es wohl kein Wenn und Wäre. Profis beim Beschaffen und Auswerten von Daten verfahren an jedem Punkt dieser Erde nach der Devise „Ein Gentleman genießt und schweigt“, egal ob Profis bei den Diensten oder in der Wirtschaft. Ihr Wissen hat Wert nur, wenn wir nicht darum wissen.

Aber vielleicht nutzt es, wenn sich einige Vorbilder öffentliche Gedanken über die nahe Zukunft machen – über den Mehrwert kompromissloser Digitalisierung und wem sie am wahrscheinlichsten nutzt.

 

Und ein paar Sammlerstücke aus früheren Jahren:

 

Die Mutter aller [meiner] Leserbriefe:

29.9.1992
Kölner Stadt-Anzeiger; abgedruckt 2.10.1992
Militär; Absage der "V 2 - Gedenkfeier" in Peenemünde (KStA. v. 29.9.1992)

Hätten wir am Deutschlandtag die Schöpfer der V 2 hochleben lassen, hätten wir auch die der Scud mitgefeiert. Die Scud ist wie die Mehrzahl der heute weltweit ausgerichteten Trägersysteme legitimer Nachfahre der V 2. Scud und V 2 sind brutale Massenvernichtungswaffen, die unter einem verantwortungslosen Regime bewußt zum Schaden der Zivilbevölkerung eines anderen Landes entwickelt und eingesetzt worden sind.

Demgegenüber ist der vorgebliche Kontext ziviler (!) Raumfahrtforschung, der etwa den jungen Wernher von Braun begeistert und geblendet haben mag, als Begründung eines V 2 - Festes geradezu absurd. Die Forschung hat sich gegen diese Wirtschaftsidee im doppelten Sinne auch ausdrücklich verwahrt.

Der Vorschlag war, wenn auch der count-down schweren Herzens in letzter Sekunde abgebrochen wurde, bereits eine verheerende Wunderwaffe gegen das Ansehen des neuen Deutschland im Ausland und unserer Repräsentanten im Inland.

 

Und der am weitesten gereiste Leserbrief:

22.08.1995
NIKKEI WEEKLY, JAPAN; abgedruckt 28.8.1995
Militärpolitik; Bombardierung von Hiroshima und Nagasaki; THE NIKKEI WEEKLY of August 14, 1995

I refer to reports on WW II and especially to two letters to the editor printed in THE NIKKEI WEEKLY of August 14, 1995. It is my impression that those two letters offer a unilateral and quite insulting interpretation of the motives behind the drop of atomic bombs onto Hiroshima and Nagasaki fifty years ago (e.g. N. Hale: "a merciful decision"). So I would like to show an alternative view:

It is certainly true that Japanese military leaders commenced the hostilities against the USA. But the Japanese victims at Hiroshima and Nagasaki were in their vast majority civilians. And although they were victims, I am far from sure they were the real addressees of the bombs as well. There is quite a convincing hypothesis: The drop of the bombs in the first place aimed at impressing the counterparts of Truman at the Potsdam Conference of July/August 1945 - Truman, a just invested and still very uneasy-feeling American president. To add: according to now opened American files the Nagasaki bomb was also meant to test a completely redesigned ignition system.

The echoes of that demonstration of power strongly outlived that event. We hear them over and over again – from Iraq, from France, from China etc. So humanity will never forget those victims, even if some wanted to.

 

Weitere Leserbriefe
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oder auch ein paar Briefe für Englisch-sprachige Medien.

Oder meine >100 Leserbriefe, die zum Thema Außen- und Sicherheitspolitik, Auslandseinsätze bzw. „out of area“ veröffentlicht worden sind.

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