Karl Ulrich Voss, Burscheid: Meine Leserbriefe im Jahr 2020

Stand: März 2020

 

(2020/10) 16.3.2020
Süddeutsche
Corona; Detlef Essinger „Solidarität wie nie“ (Ausgabe v. 14./15.3.2020, S. 4)

Man dächte es so gerne: Am Dienstag nach Corona trinken wir wieder einen Cappuccino beim kleinen Italiener an der Ecke. Den Cappuccino mags noch geben, den kleinen Italiener kaum noch. Vielleicht Starbucks. Oder etwas Drive-In-Artiges. Wenn wir nicht aufpassen, werden sich unsere Verteilstrukturen nun noch viel schneller in Richtung derjenigen Marktplätze und Informationsbörsen wandeln, die das Netz dominieren. Denn in den kommenden Monaten werden What's App, Amazon & Co. besonders praktisch, um das Leben in isolierten kleinen und kleinsten Zellen zu organisieren. Steriler und damit seuchenhygienisch effizienter als jede Solidarität in Familien, unter Nachbarn, in sozialen Gruppen.

Es wäre nun besonders dringend, öffentlich garantierte und verantwortete Marktplätze und Informationsbörsen bereitzustellen, gleichzeitig auch einen gesamtgesellschaftlichen Schutz vor Ausforschung und Manipulation durch partikuläre Interessen. Selbstverständlich ist unabhängig davon erforderlich, solidarisch die ökonomischen Folgen des brachialen Nachfrageeinbruchs zu tragen, auch für den kleinen Italiener. Wenn wir denn unsere Welt in einem Jahr noch wiedererkennen wollen.

 

(2020/09) 14.3.2020
DIE ZEIT, veröffentlicht im Internet-Angebot der ZEIT: https://blog.zeit.de/leserbriefe/2020/03/20/12-maerz-ausgabe-12/
Corona; Bernd Ulrich „So nah ist zu nah“ (DIE ZEIT No. 12 v. 12.3.2020, S. 3)

Wenn die cellula plötzlich der sicherste Ort wird, wenn wieder Vielfalt durch Abstand garantiert werden muss, dann produzieren Plattformen wie What’s App oder Amazon einen irritierenden Widerspruch: Sie sind selbst ein Produkt, Teil und Treiber von Digitalisierung und Globalisierung – und sie werden nun besonders praktisch zur Organisation kleiner und kleinster Einheiten. Ein Horror wäre, wenn sie dann auch zur verdeckten Kontrolle und sogar Steuerung fungierten. Darum werden öffentlich und gesamtgesellschaftlich aufgezogene Marktplätze und Informationsbörsen jetzt noch viel wichtiger werden.

Die ersten Worte, die ich als Geheimschutzbeauftragter buchstabieren lernte, waren „need to know“ gleich „Kenntnis nur, wenn nötig“. In Zeiten von „need to meet“ oder: „persönliches Treffen nur, wenn risikofrei“ wird der erstgenannte Grundsatz für das Sammeln, Anhäufen und Verarbeiten von Daten nur umso wichtiger.

 

(2020/08) 8.3.2020
Kölner Stadt-Anzeiger, abgedruckt 19.3.2020
Nachhaltigkeit; Interview von Thorsten Breitkopf mit Ernst Ulrich v. Weizsäcker „Es geht auch ohne Kohle“ (Ausgabe v. 7./8.3.2020, S. 10)

Danke für das frische und sehr inspirierende Interview in der Ausgabe v. 7./8.3.2020! Ein wenig weitergehend als Herr von Weizsäcker würden mich nicht nur Faktor- bzw. Effizienz-Gewinne locken, sondern durchaus auch lustvolles Einsparungspotenzial bei überlegtem Ändern der Lebensgewohnheiten, speziell durch gezieltes Verzichten, Reduzieren oder Umsteigen; weniger kann auch viel mehr sein. Weiter aber: Sehr richtig und wichtig erscheint mir Wasserstoff als Energieträger der Zukunft und ein entschleunigter Konsum, gerade durch merkliches Ausdehnen der Nutzung unserer Geräte. Beispiel: Sich ein Fahrzeug mit mindestens 25 Jahren Lebensdauer vorzustellen und mit mehreren nacheinander einbaufähigen Antriebskonzepten – das mag ja zunächst eine emotionale Herausforderung für den heutigen Verbraucher sein, nicht aber für einen motivierten Ingenieur.

Ich hätte übrigens auch keine Angst vor Wasserstoff. Wer Energie für 600 km oder mehr tankt, der transportiert nun mal eine respektable Brandlast, gleich ob als Benzin, Gas, Amperestunden oder Wasserstoff, und erfahrungsgemäß kann man damit umgehen lernen.

 

(2020/07) 22.2.2020
DIE ZEIT, veröffentlicht im Internet-Angebot der ZEIT: https://blog.zeit.de/leserbriefe/2020/02/28/20-februar-ausgabe-9/
Münchner Sicherheitskonferenz; Josef Joffes Leitartikel „Macht Politik“ (Die Zeit No. 9 v. 20.2.2020, S. 1)

Ein sehr irritierender Dreiklang: Auschwitz, Dresden, München. Gräuel, Grauen, Sicherheit? München steht wohl eher für neue Unsicherheit, für das Verlernen lebenswichtiger Lektionen.

Ich bin stolz darauf, wenn die Mehrheit der Deutschen den Krieg in Afghanistan ablehnt, den monotonen Münchner Appellen zum Trotz. Vermutlich verbinden Bürger die bestialische Feuerhölle von Kunduz auch einfühlsamer mit der von Dresden, als es Regierungen, Parlamente, Gerichte und Präsidenten je könnten. Kunduz war für mehr als 100 Afghanen vom Kind bis zum Greis keine Drohung, sondern grauenhafteste Realität.

 

(2020/06) 18.2.2020
Süddeutsche Zeitung
Münchner Sicherheitskonferenz; Daniel Brösslers Kommentar „Den Westen retten“ (Süddeutsche v. 17.2.2020, S. 4)

Selbstverständlich hat der Westen ein hochwertiges Selbstbild. So wie eben andere Weltgegenden auch. Aber nehmen wir einen aufgeklärten Zeitzeugen, sagen wir aus der Mitte Afrikas. Er kennt Namen wie Cpt. Truman Smith, Gen. Groves, Papa Doc Duvalier, Batista, Somoza, Reza Pahlewi, Saddam Hussein, Mossadegh, Allende und Bishop, er weiß um Begriffe wie „decapitating“, „covert ops“, "fracking" oder „climate adaptation“; er hat Eisenhowers „farewell address“ im Sinn und den Dokumentarfilm „The Fog of War“.

So aufgeklärt dächte unser Beobachter ganz sicher nicht an ein barmherziges, selbstloses und friedliches westliches Wesen. Er hätte auch keine Angst vor mehr "westlessness" – er dächte einfach an eine Historie von „recklessness“.

 

(2020/05) 13.2.2020
Kölner Stadt-Anzeiger, abgedruckt 4.3.2020
Integriertes Entwicklungs- und Handlungskonzept für Burscheid; Bericht von Jan Sting zur Rampe/Kanzel am Radweg („Für die Rampe wird gerodet“, Lokal-Ausgabe Rhein-Wupper v. 11.2.2020, S. 28)

Der Mehrwert der Rampe zur Hauptstraße bleibt im Nebel. Seit der Planung mit Stand Dezember 2016 haben Steigung & Gefälle leider um ein sattes Drittel auf nun nicht mehr barrierefreie 8% zugenommen - sehr schlecht u.a. für Kinderwagen, Rollstühle und Fahrräder mit Muskelkraft. Und auch die von den Planern seinerzeit angepriesene Magnetwirkung der Kanzel fällt bis auf Weiteres flach. Denn trotz beharrlichster Suche hat sich ja niemand gefunden, der die Kanzel mal „bespielen“ oder dort ein Stückchen Stadtmitte für den Radweg „inszenieren“ könnte.

Nun muss man sich eines klarmachen: Die angejahrten Blechbäume an der evangelischen Kirche, die werden irgendwann vergehen. Aber das Ende der Kanzel und ihrer beeindruckenden Pylone, das würde kein derzeit lebender Burscheider mehr sehen. Vielleicht kann man jedenfalls die 300.000€ für die Kanzel in besser sichtbare, sicherere und nachhaltigere Innovationen umsetzen, etwa in eine Beleuchtung der Balkantrasse zumindest zwischen Bad und Bahnhof.

 

(2020/04) 12.2.2020
Frankfurter Allgemeine, abgedruckt 17.2.2020
Thüringer Wahl; Leitartikel von Berthold Kohler „Die Sekundärexplosion“ (F.A.Z. v. 11.2.2020, S. 1)

Mehr noch als an eine Sekundärexplosion erinnern mich die Erfurter Chaos-Tage an den klassischen Schuss ins eigene Knie, und dies gleich mehrfach. Die thüringische CDU – und ebenso die FDP – war offenbar so sehr von Kopfjäger-Instinkten beherrscht, dass voraussehbare eigene und gewichtigere collateral damages völlig außer Kalkulation blieben.

Was nun? Brächte ein weiteres erregtes Debattieren von Personalien denn vor Ort wirklich weiter? Vermutlich liegt das Problem doch eher in einer Stimmung bei signifikanten Anteilen der Wählerschaft, bei der Wiedervereinigung irgendwie zweitklassig, kolonisiert, manipuliert und nicht respektiert herausgekommen zu sein – ein Gefühl, das die AfD immer genüsslicher ausbeutet, verstärkt und mit Ängsten und Feindbildern garniert. Warum den Wählern nun nicht ein Angebot machen, das die AfD so eben nicht machen kann oder will – das gute alte Verfassungsprojekt? Beim Einigungsvertrag ist eine Hausaufgabe aus der früheren Präambel bequemerweise unter die Schreibunterlage geschoben worden: Im Zuge der Wiedervereinigung sollten eigentlich alle Deutschen das ja ausdrücklich nur „für eine Übergangszeit“ geschriebene Grundgesetz durch eine finale und gemeinsame Verfassung ersetzen.

Mehr als ein Vierteljahrhundert nach der Wiedervereinigung sind nun genügend Erfahrungen zusammenzutragen, um die geschriebenen und die ungeschriebenen Grundsätze unserer Verfassung – etwa auch beim Ausüben auswärtiger Gewalt – offen zu debattieren und nach Erkenntnisstand sauber zu regeln. Ein solcher Prozess würde den Bürgern aller Bundesländer einigenden und befriedigenden Respekt erweisen und würde über noch so gewichtige Personalien weit hinausweisen.

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Präambel_des_Grundgesetzes_für_die_Bundesrepublik_Deutschland

 

(2020/03) 10.2.2020
DER SPIEGEL
Thüringer Wahl; Beiträge zum Spiegel-Titel Nr. 7/2020 v. 8.2.2020 „Der Dämokrat“, insbesondere Dirk Kurbjuweits Leitartikel „Die Naiven und die Ruchlosen“

Irre, wie leichtfüßig ein Lindner aus dem Chaos ausscheren kann! Und gleich noch eine Salve gegen den laut Umfrage breit respektierten Alt-Ministerpräsidenten abfeuert. Als neuen FDP-Wahl-Slogan empfehle ich: „Link und rechts zugleich – die Mitte aller Mitten“. Dafür beanspruche ich auch kein Copyright.

 

(2020/02) 30.1.2020
Kölner Stadt-Anzeiger
Chinesische Rüstung; Bericht v. Steffen Trumpf „China ist zweitgrößter Waffenproduzent“ (Kölner Stadt-Anzeiger v. 27.1.2020, s. 6)

Der Bericht erwähnt: Ganz besonders seit 1999 habe China große Summen in die Modernisierung seiner Rüstungsindustrie gesteckt. Das hatte auch eine historisch präzise nachverfolgbare Ursache: Am 7. Mai 1999 hatte die NATO im Rahmen der Operation Allied Forces / OAF kurz vor Mitternacht Belgrad bombardiert, um die serbische Staatsführung zum Einlenken zu bewegen. Dabei hatten fünf Lenkbomben die chinesische Botschaft getroffen; drei chinesische Journalisten waren ums Leben gekommen, mehrere weitere schwer verletzt. China hat sogleich im folgenden November eine neue Militärdoktrin aufgelegt; in diesem Zuge wuchsen die militärischen Investitionen signifikant an.

Es ist halt so: Mehr Waffen schaffen jedenfalls eines mit Sicherheit – mehr Waffen. Die moderne chinesische Rüstung zählt zu den gewichtigsten „collateral damages“ der frühen out-of-area-Missionen, ist halt auch eine Frucht der nach 1990 zunehmend raumgreifenden und robusten Außen- und Sicherheitspolitik des Westens. Unsere Rüstungsindustrie wird das nicht stören, ganz im Gegenteil.

Quelle u.a.:
https://de.wikipedia.org/wiki/Bombardierung_der_chinesischen_Botschaft_in_Belgrad

 

(2020/01)
Süddeutsche Zeitung
Auschwitz; Kommentar von Alexandra Föderl-Schmid „Gegen die Legenden“ (Süddeutsche v. 27.1.2020, S. 4)

„Nie wieder Auschwitz!“, das ist eine hochberechtigte, dabei aber vergleichsweise risikolose Parole. Keine, die eigenes Handeln zu sehr hinterfragt. Denn Auschwitz, das waren ja ganz andere, zu einer völlig anderen Zeit, irgendwo im Nichts. Eine auch nur annähernd bestialische, offizielle wie integrale Inhumanität, die wird kein Zeitgenosse erwarten. Und selbst diejenigen, bei denen man klammheimliche Gesinnungsgemeinschaft mit damaligen Tätern annimmt oder annehmen muss, das sind ja typischerweise die anderen.

Mehr Mut, mehr Identifikation und mehr Reflektion würde heute ein Ruf wie „Nie wieder Kunduz!“ verlangen: Kunduz mit einer mutwilligen Flammenhölle am 4.9.2009 für mehr als hundert Afghanen vom Kind bis zum Greis. Oder „Nie wieder Varvarin!“: Varvarin, wo Jagdflugzeuge am 30.5.1999 einen serbischen Schulbus in Brand schossen. Oder gar „Nie wieder Belet Huen!“: Soweit bekannt, verzeichnete die Bundeswehr hier am 22.1.1994 den ersten menschlichen „collateral damage“. Lagerwachen hatten des Nachts versehentlich einen jungen Somali namens Farah Abdullah erschossen; die Tat wurde später mit dem archaischen Blutgeld bereinigt.

Die Zahl der zivilen Opfer bei Konflikten, an denen sich Deutschland nach 1990 beteiligte, erreicht oder übersteigt heute selbst bei einer konservativen Schätzung die 50.000. Der richtige, zukunftsweisende Ruf wäre daher nach meinem Gefühl, wenn denn ernst gemeint: „Nie wieder Krieg!“

 

Und ein paar Sammlerstücke aus früheren Jahren:

 

Die Mutter aller [meiner] Leserbriefe:

29.9.1992
Kölner Stadt-Anzeiger; abgedruckt 2.10.1992
Militär; Absage der "V 2 - Gedenkfeier" in Peenemünde (KStA. v. 29.9.1992)

Hätten wir am Deutschlandtag die Schöpfer der V 2 hochleben lassen, hätten wir auch die der Scud mitgefeiert. Die Scud ist wie die Mehrzahl der heute weltweit ausgerichteten Trägersysteme legitimer Nachfahre der V 2. Scud und V 2 sind brutale Massenvernichtungswaffen, die unter einem verantwortungslosen Regime bewußt zum Schaden der Zivilbevölkerung eines anderen Landes entwickelt und eingesetzt worden sind.

Demgegenüber ist der vorgebliche Kontext ziviler (!) Raumfahrtforschung, der etwa den jungen Wernher von Braun begeistert und geblendet haben mag, als Begründung eines V 2 - Festes geradezu absurd. Die Forschung hat sich gegen diese Wirtschaftsidee im doppelten Sinne auch ausdrücklich verwahrt.

Der Vorschlag war, wenn auch der count-down schweren Herzens in letzter Sekunde abgebrochen wurde, bereits eine verheerende Wunderwaffe gegen das Ansehen des neuen Deutschland im Ausland und unserer Repräsentanten im Inland.

 

Und der am weitesten gereiste Leserbrief:

22.08.1995
NIKKEI WEEKLY, JAPAN; abgedruckt 28.8.1995
Militärpolitik; Bombardierung von Hiroshima und Nagasaki; THE NIKKEI WEEKLY of August 14, 1995

I refer to reports on WW II and especially to two letters to the editor printed in THE NIKKEI WEEKLY of August 14, 1995. It is my impression that those two letters offer a unilateral and quite insulting interpretation of the motives behind the drop of atomic bombs onto Hiroshima and Nagasaki fifty years ago (e.g. N. Hale: "a merciful decision"). So I would like to show an alternative view:

It is certainly true that Japanese military leaders commenced the hostilities against the USA. But the Japanese victims at Hiroshima and Nagasaki were in their vast majority civilians. And although they were victims, I am far from sure they were the real addressees of the bombs as well. There is quite a convincing hypothesis: The drop of the bombs in the first place aimed at impressing the counterparts of Truman at the Potsdam Conference of July/August 1945 - Truman, a just invested and still very uneasy-feeling American president. To add: according to now opened American files the Nagasaki bomb was also meant to test a completely redesigned ignition system.

The echoes of that demonstration of power strongly outlived that event. We hear them over and over again – from Iraq, from France, from China etc. So humanity will never forget those victims, even if some wanted to.

 

Weitere Leserbriefe
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oder auch ein paar Briefe für Englisch-sprachige Medien.

Oder meine >100 Leserbriefe, die zum Thema Außen- und Sicherheitspolitik, Auslandseinsätze bzw. „out of area“ veröffentlicht worden sind.

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