Karl Ulrich Voss, Burscheid: Meine Leserbriefe im Jahr 2020

Stand: Januar 2020

 

(2020/02) 30.1.2020
Kölner Stadt-Anzeiger
Chinesische Rüstung; Bericht v. Steffen Trumpf „China ist zweitgrößter Waffenproduzent“ (Kölner Stadt-Anzeiger v. 27.1.2020, s. 6)

Der Bericht erwähnt: Ganz besonders seit 1999 habe China große Summen in die Modernisierung seiner Rüstungsindustrie gesteckt. Das hatte auch eine historisch präzise nachverfolgbare Ursache: Am 7. Mai 1999 hatte die NATO im Rahmen der Operation Allied Forces / OAF kurz vor Mitternacht Belgrad bombardiert, um die serbische Staatsführung zum Einlenken zu bewegen. Dabei hatten fünf Lenkbomben die chinesische Botschaft getroffen; drei chinesische Journalisten waren ums Leben gekommen, mehrere weitere schwer verletzt. China hat sogleich im folgenden November eine neue Militärdoktrin aufgelegt; in diesem Zuge wuchsen die militärischen Investitionen signifikant an.

Es ist halt so: Mehr Waffen schaffen jedenfalls eines mit Sicherheit – mehr Waffen. Die moderne chinesische Rüstung zählt zu den gewichtigsten „collateral damages“ der frühen out-of-area-Missionen, ist halt auch eine Frucht der nach 1990 zunehmend raumgreifenden und robusten Außen- und Sicherheitspolitik des Westens. Unsere Rüstungsindustrie wird das nicht stören, ganz im Gegenteil.

Quelle u.a.:
https://de.wikipedia.org/wiki/Bombardierung_der_chinesischen_Botschaft_in_Belgrad

 

(2020/01)
Süddeutsche Zeitung
Auschwitz; Kommentar von Alexandra Föderl-Schmid „Gegen die Legenden“ (Süddeutsche v. 27.1.2020, S. 4)

„Nie wieder Auschwitz!“, das ist eine hochberechtigte, dabei aber vergleichsweise risikolose Parole. Keine, die eigenes Handeln zu sehr hinterfragt. Denn Auschwitz, das waren ja ganz andere, zu einer völlig anderen Zeit, irgendwo im Nichts. Eine auch nur annähernd bestialische, offizielle wie integrale Inhumanität, die wird kein Zeitgenosse erwarten. Und selbst diejenigen, bei denen man klammheimliche Gesinnungsgemeinschaft mit damaligen Tätern annimmt oder annehmen muss, das sind ja typischerweise die anderen.

Mehr Mut, mehr Identifikation und mehr Reflektion würde heute ein Ruf wie „Nie wieder Kunduz!“ verlangen: Kunduz mit einer mutwilligen Flammenhölle am 4.9.2009 für mehr als hundert Afghanen vom Kind bis zum Greis. Oder „Nie wieder Varvarin!“: Varvarin, wo Jagdflugzeuge am 30.5.1999 einen serbischen Schulbus in Brand schossen. Oder gar „Nie wieder Belet Huen!“: Soweit bekannt, verzeichnete die Bundeswehr hier am 22.1.1994 den ersten menschlichen „collateral damage“. Lagerwachen hatten des Nachts versehentlich einen jungen Somali namens Farah Abdullah erschossen; die Tat wurde später mit dem archaischen Blutgeld bereinigt.

Die Zahl der zivilen Opfer bei Konflikten, an denen sich Deutschland nach 1990 beteiligte, erreicht oder übersteigt heute selbst bei einer konservativen Schätzung die 50.000. Der richtige, zukunftsweisende Ruf wäre daher nach meinem Gefühl, wenn denn ernst gemeint: „Nie wieder Krieg!“

 

Und ein paar Sammlerstücke aus früheren Jahren:

 

Die Mutter aller [meiner] Leserbriefe:

29.9.1992
Kölner Stadt-Anzeiger; abgedruckt 2.10.1992
Militär; Absage der "V 2 - Gedenkfeier" in Peenemünde (KStA. v. 29.9.1992)

Hätten wir am Deutschlandtag die Schöpfer der V 2 hochleben lassen, hätten wir auch die der Scud mitgefeiert. Die Scud ist wie die Mehrzahl der heute weltweit ausgerichteten Trägersysteme legitimer Nachfahre der V 2. Scud und V 2 sind brutale Massenvernichtungswaffen, die unter einem verantwortungslosen Regime bewußt zum Schaden der Zivilbevölkerung eines anderen Landes entwickelt und eingesetzt worden sind.

Demgegenüber ist der vorgebliche Kontext ziviler (!) Raumfahrtforschung, der etwa den jungen Wernher von Braun begeistert und geblendet haben mag, als Begründung eines V 2 - Festes geradezu absurd. Die Forschung hat sich gegen diese Wirtschaftsidee im doppelten Sinne auch ausdrücklich verwahrt.

Der Vorschlag war, wenn auch der count-down schweren Herzens in letzter Sekunde abgebrochen wurde, bereits eine verheerende Wunderwaffe gegen das Ansehen des neuen Deutschland im Ausland und unserer Repräsentanten im Inland.

 

Und der am weitesten gereiste Leserbrief:

22.08.1995
NIKKEI WEEKLY, JAPAN; abgedruckt 28.8.1995
Militärpolitik; Bombardierung von Hiroshima und Nagasaki; THE NIKKEI WEEKLY of August 14, 1995

I refer to reports on WW II and especially to two letters to the editor printed in THE NIKKEI WEEKLY of August 14, 1995. It is my impression that those two letters offer a unilateral and quite insulting interpretation of the motives behind the drop of atomic bombs onto Hiroshima and Nagasaki fifty years ago (e.g. N. Hale: "a merciful decision"). So I would like to show an alternative view:

It is certainly true that Japanese military leaders commenced the hostilities against the USA. But the Japanese victims at Hiroshima and Nagasaki were in their vast majority civilians. And although they were victims, I am far from sure they were the real addressees of the bombs as well. There is quite a convincing hypothesis: The drop of the bombs in the first place aimed at impressing the counterparts of Truman at the Potsdam Conference of July/August 1945 - Truman, a just invested and still very uneasy-feeling American president. To add: according to now opened American files the Nagasaki bomb was also meant to test a completely redesigned ignition system.

The echoes of that demonstration of power strongly outlived that event. We hear them over and over again – from Iraq, from France, from China etc. So humanity will never forget those victims, even if some wanted to.

 

Weitere Leserbriefe
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oder auch ein paar Briefe für Englisch-sprachige Medien.

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