Karl Ulrich Voss, Burscheid: Meine Leserbriefe im Jahr 2026

Stand: Januar 2026; grün unterlegt: lokale/regionale Themen u. Medien

 

(2026/8) 22.1.2026
Kölner Stadt-Anzeiger, abgedruckt 24.1.2026
Friedenspolitik; zum Interview von Joachim Frank mit Rolf Mützenich in der Ausgabe v. 21.1.2026, S. 6 („Trump verhöhnt das Verhandeln“) sowie zum
Frank&Frei-Podium
„Und die Feindesliebe?“ am gleichen Tage in der Kölner Karl-Rahner-Akademie

Rolf Mützenich wirkt verletzlich, räumt Schrammen und Beulen ein. Nachgefragt: Männer wie Karl Rahner, die im Kalten Krieg im Westen wie im Osten willkommen waren und gesprochen haben, oder Egon Bahr, der durch den Eisernen Vorhang hindurch denken konnte: Hätten diese heute Chancen in der SPD? Eher unrealistisch, antwortet Mützenich mit Bedauern.

In der Karl-Rahner-Akademie jedenfalls hatte er die deutliche Mehrheit des christlichen Abendlandes hinter sich – für aktive Vertrauensbildung und einen unbeirrten Dialog unter Gegnern. Nicht nur das christliche Abendland im Übrigen, auch die Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur stärkte ihm den Rücken. Mützenich hat wohl das Zeug, Friedfertige in der traditionell gewaltkritischen SPD zu halten. Und gerade nicht solche, die heute beseelt den Kriegstanz tanzen – trotz der im Mittel sehr schlechten militärischen Bilanz seit UNOSOM II. Damals schon: nach der Phase der Entspannungspolitik.

Ich verstehe Rolf Mützenich auch so: Er hätte sich nicht vor Trumps Schreibtisch zitieren und dort nicht von oben herab kujonieren lassen. Respektable und repräsentative Europäer sollten genau das in Zukunft meiden wie der Teufel das Weihwasser.

Anm.:
Mützenichs berechtigte Kritik an europäischen Staatsmännern (dritter Absatz des Leserbriefs) bezog sich offenbar auf ein Bild vom Washingtoner Ukraine-Gipfel vom 18.8.2025; es ist u.a. hier wiedergegeben:
https://www.bild.de/politik/ausland-und-internationales/am-schreibtisch-des-praesidenten-hier-bangt-europa-vor-trump-68a4269a99ec9e2fe941d6c4

 

(2026/7) 20.1.2026
RGA / Bergischer Volksbote, abgedruckt 22.1.2026
zu Nadja Lehmanns Artikel „Braucht Burscheid ein Parkhaus?“ in der Ausgabe v. 19.1.2026, S. 21)

Für mich sind es sehr überraschende Folgerungen aus der Stadtentwicklungs-Werkstatt kurz vor Weihnachten: Ein Parkhaus für die Altstadt, ggf. kommunal finanziert und betrieben? Jedenfalls in meinem Beisein hatte es seitens der Bürger*innen völlig anders geklungen: Die bereits vorhandenen, Barriere-armen Parkmöglichkeiten in der unteren Hauptstraße möglichst erhalten – fairerweise ebenso wie im mittleren und oberen Abschnitt! Und den Durchfluss weiter gewährleisten, nicht etwa einen Gefäßverschluss in unsere Lebensader einbauen! 

Genau das müsste uns auch das Beispiel Altenas zeigen, wo das Düsseldorfer Planungsbüro ASS zuvor beraten hatte: Der verkehrsberuhigte Teil der dortigen Lennestraße, sie entspricht historisch und funktional unserer Hauptstraße, ist trotz eines „IEHK Altena 2015“ weiter und weiter ausgetrocknet. Siehe und lerne!

Ich möchte anregen, und das war m.E. auch der weit überwiegende Wille am 17. Dezember: Markt und untere Hauptstraße behutsam neu gestalten, Verkehr zulassen, Geld sparen. Geld, das wir angesichts unserer rapide schmelzenden Rücklagen ebenso wenig locker haben werden wie für den Bau und Betrieb eines Parkhauses.

P.S.
Meine Eindrücke der ISEK-Werkstatt am 17.12.2025 stehen in einer am 16.1.2026 abgegebenen Stellungnahme:
https://www.vo2s.de/bu_2026-01-16_isek-workshop_voss.pdf; Kurzfassung unter https://www.vo2s.de/bu_2026-01-16_isek_voss-ms.pdf. In der offiziellen Doku des Moderators vom 17.12. findet sich ebenfalls kein Beleg für eine Parkhaus-Initiative, siehe https://beteiligung.nrw.de/portal/download/resources/beteiligung/1020584/gegenstand/1050504/datei/1914528_1/doku_buergerws_isek2030_251217_promediare_final.pdf

 

(2026/6) 12.1.2026
Kölner Stadt-Anzeiger
Iran; zu Christoph Schmidts Beitrag „Ein Charles III. des Mittleren Ostens“ in der Ausgabe v. 12.1.2026, S. 2

Danke für den berechtigten Hinweis auf die Vorgeschichte der Islamischen Republik: Auf den i.J. 1953 von westlichen Diensten mittels der Operation TPAJAX initiierten Machtwechsel, vom demokratisch gewählten iranischen Präsidenten Mossadegh auf das dann autokratische Regime des Mohammad Reza Pahlawi. Damals wie heute in Venezuela waren Öl-Interessen hochwirksam, aber auch ein rapide wachsendes Blockdenken und der stete Versuch, strategisch relevante Staaten in die eigene Richtung zu „drehen“.

Das Regiment des Schah – es stützte sich auf den als brutal bekannten iranischen Dienst SAVAK, wurde mittelbar sogar Auslöser der deutschen Studentenunruhen – hielt sich bis 1979; sein Zusammenbruch stürzte den Iran in die heutige Theokratie. Was wir im Jahre 2026 sehen, das ist ein vom Westen verantwortlich mitgeschaffener failing state, und er wurde durch den irakisch-iranischen Stellvertreter-Krieg und durch jahrzehntelange einschneidende Boykott-Maßnahmen systematisch weiter zerrüttet. Oder: Es ist nun das furchterregende Produkt von Zauberlehrlingen.

Der Westen ist damit die allerletzte Weltregion, die das Vertrauen der Iranerinnen und Iraner verdient. Wir müssen uns von Ratschlägen oder gar von dynastischen Ideen fernhalten. Auch die noch frischen Erfahrungen mit ISAF müssten uns ernüchternd davon abhalten, einem neuerlichen Machtwechsel in einem islamischen Staat nachzuhelfen. Was uns nicht verwehrt ist: Vermittelnde Diplomatie, spürbare Nächstenliebe und menschliche Hilfe, ohne weltanschauliche Hintergedanken.

Quellen etwa:

https://de.wikipedia.org/wiki/Operation_Ajax
https://de.wikipedia.org/wiki/Erster_Golfkrieg

P.S.
Ein geringschätziges, wenn nicht zynisches Verhältnis des Westens gegenüber Iran und Irak mag man mit Bemerkungen charakterisieren, die einem US-Außenminister und einer Amtsnachfolgerin zugeordnet werden:

(1) „It’s a pity they can’t both lose.“ = Henry Kissinger zu den möglichen Folgen des irakisch-iranischen Krieges 1980-1988 bzw. des ersten Golfkrieges, damals noch mit intensiver US-Unterstützung für den Irak, zitiert nach https://www.independent.co.uk/voices/henry-kissinger-death-obituary-nixon-vietnam-b2456059.html). Anm. zur Quellenlage: Kissinger wird mit mehreren leicht voneinander abweichenden Wortlauten zitiert; eine sicher verbürgte Quelle (Ort/Datum) gibt es m.W. nicht, allerdings sind auch keine Dementis bekannt. Das folgende Zitat ist allerdings sehr gut verbürgt:

(2) „We think the price was worth it.“ = Madeleine Albright am 12.5.1996 in einem per Youtube nachverfolgbaren Interview auf die für sie überraschende Frage, ob massive Todesopfer unter irakischen Kindern infolge eines US-Medizin-Boykotts im Kontext des zweiten Golfkriegs 1990/1991 gerechtfertigt waren, siehe u.a. https://en.wikipedia.org/wiki/Madeleine_Albright.

Man sollte in der Rückschau festhalten: Am Ende hatten tatsächlich beide Völker massiv verloren – das des Irak und das des Iran. Oder auch: der Stoßseufzer, der oben Henry Kissinger zugeordnet ist, hat sich schließlich mit nachhaltigen Wirkungen erfüllt. Ohnehin erscheint der Nahe und Mittlere Osten heute in sehr weiten Teilen destabilisiert, zerstört und als Ausgangspunkt breiter Fluchtbewegungen. „Ex oriente lux!“, wie es noch mein Großvater kannte, das wird heute niemand mehr ernsthaft sagen wollen.

 

(2026/5)11.1.2026
Frankfurter Allgemeine
Venezuela; Michael Hansfelds Beitrag „Action in Caracas. Donald Trump macht die Regeln, was machen wir?“ in der Ausgabe v.5.1.2026, S. 9

Tollkühn-brillant, was die Elitekämpfer der Delta Force da in Caracas vollbracht haben? Ja, zumindest zur erklärten Befriedigung eines Donald Trump, der die rasante Action live und in Farbe am Bildschirm miterleben durfte. Aber „macht Donald Trump (nun) die Regeln“, wie es der Untertitel ausdrückt? Oder reißt er nicht lustvoll tragende Teile desjenigen Regelwerks ein, auf dem die UNO und damit die friedliche und gedeihliche Koexistenz der Völker basieren? 

Oder auch: Was wären die lessons to be learnt speziell für uns? Könnte irgendein Kommandeur der Bundeswehr im Rahmen der ganz zu Recht weiter hoch gehaltenen „Inneren Führung“ seinen erwartungsvollen Soldatinnen und Soldaten erklären, wo der militärische Auftrag der Allianz künftig anfängt? Und wichtiger noch: Wo er endet? Zu staatlichen Gewaltformen, die irreversibel in Grundrechte eingreifen, sollte genau das der Kommandeur – ebenso der Werbe-Offizier in der Schulklasse – mit befriedigender Genauigkeit definieren, sprich abgrenzen können, nicht wahr?

Es ist völlig richtig: Wir müssen die Souveränität ausbauen, das Völkerrecht bzw. ganz allgemein eine regelbasierte Ordnung zu verteidigen bzw. durchzusetzen, dabei auch die golden rule bzw. den kategorischen Imperativ. Ebenso richtig ist: Durch Kopie des aktuellen US-amerikanischen Benchmarks – oder durch betretenes Wegschauen bei robusten Kommando-Einsätzen – werden wir hier keinen Millimeter vorankommen, ganz im Gegenteil.

P.S.

Es heißt: Der von Donald Trump autorisierte Einsatz habe etwa vierzig venezolanische Tote gefordert, damit in gleicher Größenordnung wie bei dem wohl fahrlässig verursachten Diskotheken-Brand in Crans-Montana zwei Tage vorher. Glocken werden in Washington nicht geläutet haben. Und natürlich wird sich auch kein Strafgericht dieser Welt je mit der 2026er Causa Venezuela befassen wollen. Diese Opfer hatten schlicht zur falschen Zeit am falschen Platz gestanden.

 

(2026/4) 11.1.2026
Süddeutsche Zeitung
Venezuela; Herfried Münklers Beitrag „Das Imperium schreitet voran“ in der Ausgabe v. 5./6.2026, S. 9

Eine neue Weltordnung möchte ich es nicht nennen, übrigens auch keine weitere Zeitenwende. Eher eine parabolische Geschichtsentwicklung, nur halt mit einem neuen Gradienten bei offener Schamlosigkeit, neo-kolonialistischer Gier und nationalem Egoismus.

Der Venezuela-Coup erinnert mich auch nicht primär an die Strafexpedition bzw. das robuste Kidnapping des panamaischen „Strongman“ Noriega Anfang der Neunziger, mag es auch einige Ähnlichkeiten geben. Sondern viel mehr an die Operation TPAJAX schon in den Fünfzigern. Als CIA und MI6 wie eifrige Zauberlehrlinge gegen den bürgerlich-nationalen iranischen MP Mossadegh plotteten, u.a. zu Gunsten der AIOC, später BP bzw. Aral. Als diese Dienste dann ein hoch autoritäres Satrapen-Regime aus Schah und SAVAK installieren halfen. Das am Ende scheiterte und den Iran in eine – dem Westen noch viel abträglichere – Theokratie stürzte. Und heute will ein Schah-Sohn gerne wieder abhelfen, mit Hilfe des Westens. Oder auch: groundhog day.

Also wohl wenig Neues, viel Zyklisches und peinlich berührtes Wegsehen, gerne auch Orwell’sches Doppeldenk und Doppelsprech. Nun: Die USA wollen sicher keine neue globale Souveränität durchsetzen; sie wollen schlicht ihre jahrzehntelange Rolle bei der Steuerung und Nutzung der Welt und ihrer Ressourcen perpetuieren, möglichst ad ultimo. End of history per Diktat.

P.S.

Ich neige einer Erklärung des britischen Historikers Peter Heather für die Erosion des Römischen Weltreichs zu: 

Landnahmen insbesondere germanischer Völker i.R.d. Völkerwanderung schmälerten in einer Art umgekehrtem Schneeball-Effekt die Ressourcen-, Ertrags- und Steuerbasis der weströmischen Zentralregion, mit Folgen für den Erhalt staatlicher Systeme, speziell auch der Streitkräfte. Die Fähigkeiten der Gegner Roms wurden gleichzeitig durch zivilisatorische Lernprozesse - Übernahme römischer Systeme und Verfahren - stetig gestärkt. 

Hält man das für relevant, dann macht die Trump'sche Politik sehr viel Sinn, um den status quo der USA zumindest zeitweise zu stabilisieren: Die äußere Gewalt entschlossen weiter auszubauen (Wehretat; proprietäre Waffensysteme), Ressourcen, Stützpunkte u. ggf. Land pro-aktiv zu sichern (Venezuela, ggf. Grönland, Iran etc.) und alle denkbaren Gradienten bei Importen und Exporten zu nutzen (u.a. Zölle, Importbeschränkungen).. Ebenso wird es sich empfehlen, potenzielle Konkurrenz durch ökonomisch destabilisierende Aktivitäten auf Distanz zu halten (Zölle, Boykotte, Zwang zu vergleichsweise unproduktiven Bündnis- und Militär-Ausgaben) und fremde Allianzen zu hindern oder (EU) aufzubrechen. Schöne neue Welt - möglichst ohne Werte und Regeln nach Art der golden rule.

 

(2026/3) 10.1.2026
Kölner Stadt-Anzeiger
Venezuela; Interview „Auf der Rutschbahn zur Rechtlosigkeit“ von Joachim Frank mit Claus Kreß in der Ausgabe v. 8.1.2026 S. 4

Claus Kreß ist von Herzen zuzustimmen: Die US-amerikanische Strafexpedition in Venezuela lädiert die internationale Glaubwürdigkeit der USA massiv, gleichzeitig aber eben auch den Goodwill aller erklärten Partner einer westlichen Wertegemeinschaft. Soweit wir von Gemeinschaft überhaupt noch sprechen dürfen – das alte Europa dürfte in den Augen Trumps heute als Systemgegner und Ressourcenkonkurrenz erscheinen, jedenfalls für den amerikanischen Kontinent. 

Was ist eine mögliche Remedur? (1) Diplomatischer Protest: Das ist das Allermindeste, bleibt leider aber in diesem Fall wenig Respekt gebietend. (2) Angesichts der häufig zitierten Weltgeltung des deutschen Strafrechts könnten wir den venezolanischen Blutzoll  gerichtlich untersuchen – berichtet wird von zweistelligen Opferzahlen. Aber genau das werden wir vermeiden wollen, ebenso wie der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag. Und die UNO bleibt paralysiert, gerade gegenüber ihrem Sitzstaat und Champion. (3) Es bleibt nur Clintons geflügeltes Wort „It’s the economy, stupid!“ Heißt hier:: Eigene Abhängigkeiten minimieren, US-Privilegien kündigen, die Außen-, Sicherheits- und Wirtschafts-Politik merklich emanzipieren. Wenn überhaupt etwas Trump interessiert und imponiert, dann ist es Ökonomie. Und EU-eigenes Denken ist hier spätestens mit der US-amerikanischen Sicherheitsstrategie vom November 2025 lebenswichtig geworden.

 

(2026/2) 9.1.2026
DIE ZEIT, veröffentlicht am 15.1.2026 im Internet-Angebot der ZEIT =
https://www.zeit.de/leserbriefe/2026/2
Berichterstattung bzgl. des Venezuela-Coups und möglicher Weiterungen in der Ausgabe v. No. 2 v. 8.1.2026, speziell zu Bernd Ulrichs Leitartikel „Von wegen Öl“ und zum Beitrag „Diesmal ohne Blumen im Haar“ von Holger Stark (S. 1, 37)

Klar ist er ein Proll, der Trump. Und geil auf Präsenz im Denken möglichst vieler Zeitgenossen und Nachfahren. Aber er ist auch Proll der Prolle und Troll der Trolle. Und ist damit Teil eines Programms, das man „Vorwärts in die Vergangenheit!“ betiteln könnte. Das auf Ängste vor einem globalen Abstieg aufbaut und wie in einem Bauchladen viel Zugkraft für eine breite Bewegung verbindet: Maskulin-militärisch-weiße Überlegenheits- und Landnahme-Träume, gerade gegenüber den Latinos („Always remember the Alamo!“), das Aufatmen über wieder schrankenlose Ressourcen und Wachstum ohne Reue, vielleicht gar romantische Südstaaten-Erinnerungen an verlässliche, gottgewollte Schichtung.

It’s oil, stupid!“ könnte Trump nun auf Nachfrage näseln. Ja, Öl ist nicht alles. Aber schon ein repräsentativer Akzent und Venezuela ist eine gezielt einschüchternde Geste. Mit massivem Kollateral-Nutzen: „Öl mehr und billiger!“ wird er es dealen, als Kostensenkung für nationale Bürger und Unternehmen. Und – breites Schenkelklopfen – es setzt gleichzeitig diese anmaßenden Araber und die frechen Russen unter Druck, mag sie destabilisieren. Und, nicht zu unterschätzen: Alles, was die Army zu Wasser, zu Land und in der Luft auch nur einen Zentimeter bewegen will, das läuft für unabsehbare Zeit auf Öl.

Nicht schön? Aber so ist es. Und morgen Grönland? Selbstverständlich. Der Kanzler wird am Ende im gelobten Oxford-Englisch schweigen.

P.S.:
Was alles noch nichts über die Haltbarkeit der ruppigen Venezuela-Geste sagt. Allerdings möchte ich wie Holger Stark von nachhaltigen, Trump weit überdauernden Wirkungen ausgehen. Sowohl was Maga angeht als auch die aktuelle Aktion. Der Versuch einer Annäherung:

Einiges gemeinsam hat der aktuelle Coup m.E. mit der Operation TPAJAX des Jahres 1953, zu Zeiten Eisenhowers und Churchills. Als man in Kooperation der Dienste CIA und MI6 den Iran grundreinigte bzw. den gewählten, aber geopolitisch lästig gewordenen MP Mossadegh wegwischte. Zum Nutzen (auch) der Ölgesellschaft AIOC, später BP, noch später hierzulande Aral. 

Dies leitete das auf den berüchtigten Dienst SAVAK gestützte auch aus heutiger Sicht hoch autokratische, westlich orientierte Regime des Schah Mohammad Reza Pahlavi ein. Der dann i.J. 1979 den Iran nach stabilen Massenprotesten verlassen musste. Will sagen: Der regime change d.J. 1953 hatte für gut 26 Jahre vorgehalten, hatte am Ende des Tages allerdings einen theokratischen Iran (dann ohne die praktische SAVAK-CIA-Schnittstelle) zurückgelassen. Der wiederum den Urhebern des 1953er Coups, etwa Kermit Roosevelt, noch viel weniger gefallen hätte als der Iran zu Zeiten eines grund-bürgerlichen Realpolitikers Mossadegh. Shit happens. Der Ablauf könnte sich dann – aber mit sicherem Abstand zur statistisch zu erwartenden Lebensphase Trumps – in Venezuela wiederholen. Wie Mark Twain feststellte: „History doesn't repeat itself, but it often rhymes.“

Quellen etwa:
https://de.wikipedia.org/wiki/Operation_Ajax
https://de.wikipedia.org/wiki/SAVAK

P.P.S.
Nach der aktuellsten Nachrichtenlage bringt sich gerade der Schah-Sohn Reza Pahlawi in Stellung, als möglicher neuer iranischer Staatsführer - im Zusammenhang mit den Unruhen der letzten Tage, die wesentlich auf einer weitgehend destabilisierten Wirtschaft beruhen. Ich möchte darauf wetten: Trump wird eine solche grunddemokratische Personalie in Kürze und sehr öffentlichkeitswirksam für eine äußerst geniale Idee halten. Noch ein Reim, diesmal mit einer Wiederholungsrate von 73 Jahren. Wenn ich recht zähle.

 

(2026/1) 4.1.2026
Frankfurter Allgemeine, abgedruckt 16.1.2026
Thomas Mann; Anne Dreesbachs Beitrag „Dem Pudel die Citrone zugeworfen“ in der Ausgabe v. 3.1.2026, S. 9

Der Psychologe Manfred Koch-Hillebrecht hat in seinem eingehend belegten Hitler-Psychogramm aus dem Jahre 1999 auffällige Entsprechungen im Fühlen und Denken zweier so gegensätzlich agierender Charaktere wie Thomas Mann und Adolf Hitler herausgearbeitet: Etwa ein bildhaftes und über lange Zeit sehr stabiles Erinnnerungsvermögen, das Hitler quasi zehn Teleprompter gleichzeitig verlieh und Mann die Fähigkeit, komplexe Beobachtungen noch nach Jahren verlustfrei in seine Schriften einzufügen. Oder eine vage definierte Sexualität, die bei beiden leichter zu „Infatuiertheiten“ als zu tiefen menschlichen Bindungen führte.

Wenn sie zudem eine nicht nebensächliche Faszination für den Hund geteilt haben, dann mag das die Beobachtungen von Koch-Hillebrecht in einem Detail abrunden.

Quelle etwa:
Manfred Koch-Hillebrecht, Homo Hitler / Psychogramm des deutschen Diktators, Siedler 1999, speziell S. 207ff

 

Letzter Leserbrief aus 2025 (> 500 weitere Briefe siehe die Links unten zu 1992 bis 2025):

(2025/78) 18.12.2025
DAS PARLAMENT, abgedruckt 20.12.2025
Wehrplicht 2.0; Alexander Weinleins Beitrag „Männer müssen wieder zur Musterung“ in der Ausgabe Nr. 50-51 v. 6.12.2025, S. 5

Bundeswehr und Wehrpflicht sind parlamentarisch und öffentlich Thema geworden und das ist gut so. Trotz breiter Behandlung liegen allerdings einige Kernfragen weiter im Nebel. Zum einen der Einsatzradius der neuen Wehrpflichtigen: Als eindeutig galt bisher, dass Wehrpflichtige den Staat und seine Verbündeten mit ihrem Leben zu verteidigen haben – aber eben nicht in Auslandseinsätzen. Genau das war ja der Anlass, die Wehrpflicht in der Hochphase von „out-of-area“ auszusetzen. Wie aber wird es nun bei den zunächst ausnahmslos freiwilligen Wehrpflichtigen stehen – just inside or out-of-area? In einer weiter auf Ex- und Importe angewiesenen Volkswirtschaft wird man weiterhin auch diese Einsatzform verlangen – und gerade keine gespaltene Truppe wollen.

Quellen etwa:
Eine hervorragend belegte Darstellung des Verhältnisses erweiterter Aufgaben der Bundeswehr zur Wehrpflicht findet sich etwa in der Abhandlung von Markus Winkler „Die Reichweite der allgemeinen Wehrpflicht“, NVwZ 1993, S. 1151-1157

 

Und ein paar Sammlerstücke aus früheren Jahren:

 

Die Mutter aller [meiner] Leserbriefe zur Außen- und Sicherheitspolitik:

 

29.9.1992
Kölner Stadt-Anzeiger; abgedruckt 2.10.1992
Militär; Absage der "V 2 - Gedenkfeier" in Peenemünde (Kölner Stadt-Anzeiger. v. 29.9.1992)

Hätten wir am Deutschlandtag die Schöpfer der V 2 hochleben lassen, hätten wir auch die der Scud mitgefeiert. Die Scud ist wie die Mehrzahl der heute weltweit ausgerichteten Trägersysteme legitimer Nachfahre der V 2. Scud und V 2 sind brutale Massenvernichtungswaffen, die unter einem verantwortungslosen Regime bewußt zum Schaden der Zivilbevölkerung eines anderen Landes entwickelt und eingesetzt worden sind.

Demgegenüber ist der vorgebliche Kontext ziviler (!) Raumfahrtforschung, der etwa den jungen Wernher von Braun begeistert und geblendet haben mag, als Begründung eines V 2 - Festes geradezu absurd. Die Forschung hat sich gegen diese Wirtschaftsidee im doppelten Sinne auch ausdrücklich verwahrt.

Der Vorschlag war, wenn auch der count-down schweren Herzens in letzter Sekunde abgebrochen wurde, bereits eine verheerende Wunderwaffe gegen das Ansehen des neuen Deutschland im Ausland und unserer Repräsentanten im Inland.

 

Und der am weitesten gereiste Leserbrief:

 

22.08.1995
NIKKEI WEEKLY, JAPAN; abgedruckt 28.8.1995
Militärpolitik; Bombardierung von Hiroshima und Nagasaki; THE NIKKEI WEEKLY of August 14, 1995

I refer to reports on WW II and especially to two letters to the editor printed in THE NIKKEI WEEKLY of August 14, 1995. It is my impression that those two letters offer a unilateral and quite insulting interpretation of the motives behind the drop of atomic bombs onto Hiroshima and Nagasaki fifty years ago (e.g. N. Hale: "a merciful decision"). So, I would like to show an alternative view:

It is certainly true that Japanese military leaders commenced the hostilities against the USA. But the Japanese victims at Hiroshima and Nagasaki were in their vast majority civilians. And although they were victims, I am far from sure they were the real addressees of the bombs as well. There is quite a convincing hypothesis: The drop of the bombs in the first place aimed at impressing the counterparts of Truman at the Potsdam Conference of July/August 1945 – Truman, a just invested and still very uneasy-feeling American president. To add: according to now opened American files the Nagasaki bomb was also meant to test a completely redesigned ignition system.

The echoes of that demonstration of power strongly outlived that event. We hear them over and over again – from Iraq, from France, from China etc. So, humanity will never forget those victims, even if some wanted to.

 

Weitere Leserbriefe

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Oder auch ein paar Briefe für
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